Medizinische Themen

Medizinische Themen

Im kleinen Becken befinden sich Organe wie Blase, Rektum (Enddarm), inneres Genital (Gebärmutter, Eierstöcke), aber auch Blutgefäße und Nerven. Verschiedenste medizinische Fachrichtungen befassen sich mit den Störungen dieser verschiedenen Organe: Die Gynäkologie befasst sich mit den weiblichen Urogenitalorganen, die Urologie mit den männlichen; die Chirurgen behandeln Störungen des Darmes. Doch keine Fachrichtung befasst sich ausschließlich mit den Funktionsstörungen der pelvinen Nerven. Das ist umso erstaunlicher, als es neben dem zentralen Nervensystem und dem Rückenmark keine andere Region unseres Körpers gibt, die so viele und so wichtige Nerven enthält: Pelvine Nerven sind involviert in Sexualität, Blasen-Darm-Entleerung – aber ebenso wichtig in unsere Bewegung (Gang und Stand).

Eine Erklärung dafür ist, dass die Anatomie des pelvinen Nervensystems schwer zu verstehen ist und die herkömmliche offene Bauchchirugie nicht zur Präparation dieser tief retroperitoneal, hinter den Blutgefäßen gelegenen Nerven geeignet ist. Somit verwundert es nicht, dass das Gebiet der pelvinen Neurochirurgie nicht gut ausgebildet ist. Als Gynäkologen interessiert uns normalerweise nicht das Gebiet der pelvinen Nerven, da uns aber die funktionellen Einschränkungen von Blase, Darm, Sexualität und Motorik postoperativ Probleme bereiten, können wir es uns nicht länger leisten, die pelvinen Nerven zu ignorieren.

Anatomie und Behandlung pelviner Nerven

Im Laufe des letzten Jahrzehnts gewannen wir Erfahrung in der laparoskopischen Darstellung aller pelviner Nerven, während über 1300 pelviner und paraaortaler Lymphonodektomien (Entfernung von Lymphknoten im Bereich der Leiste und der Hauptschlagader) oder der laparoskopischen Sanierung der retroperitonealen Endometriose (N > 1000). Außerdem konnten wir zeigen, dass die laparoskopische Darstellung pelviner Nerven praktisch möglich ist - unter Standardbedingungen und mit sehr kurzer Operationszeit.

 

Um mehr Informationen über die motorische Funktion der Nerven unter der Operation zu erhalten, haben wir die LANN-Technik (LAparoscopic Neuro-Navigation) entwickelt: Zum Beispiel löst die intraoperative Elektrostimulation der Blasennerven eine Blasenkontraktion aus bzw. löst die Stimulation der Nerven, die für die männliche Erektion zuständig sind, intra-OP eine Erektion aus. Somit können während der laparoskopisch-pelvinen Chirurgie alle motorischen Nerven anhand ihrer Funktion in kurzer Zeit identifiziert und konsequent vor Schädigung geschützt werden.

Diese neue Option öffnet den Weg zur „Laparoskopischen neurofunktionellen pelvinen Chirurgie“, die sich mit drei bedeutenden Anwendungsgebieten befasst:

1.) Schonung der pelvinen Nerven während radikaler pelviner Chirurgie (Onkologie und Endometriose!), die in Blasen-, Darm- und Sexualfunktionen involviert sind;

2.) Laparoskopisches Management verschiedener Störungen der pelvinen Nerven, die zuständig sind für pelvine Nervenschmerzen (Ischialgien, Pudentalneuralgien, Schmerzsyndrom des kleinen Beckens....) bzw. Nervenschmerzen der unteren Extremitäten (Phanatomschmerz nach Amputation, Polyneuropathie...);

3.) Implantation von elektrischen nervalen Elektroden – LION-Technik – zur Kontrolle bzw. Wiederherstellung pelviner Nervenfunktionen bei Multipler Sklerose, Spina bifida, Querschnittslähmungen.