Das erste klinische Anwendungsgebiet der Neuropelveologie besteht in der Durchführung laparoskopischer pelviner Operationen, ohne die verschiedenen Funktionen des kleinen Beckens zu schädigen (Sexualität, Blasen- und Darmfunktion). Zu diesen Operationen zählen laparoskopische Myomenukleationen (Entfer¬nung von Myomen der Gebärmutter), subtotale Gebärmutterentfernung unter Erhalt des Gebärmutterhalses zur Therapie des Uterus myomatosus (LASH) oder die alleinige Entfernung des Gebärmutterhalses bei der Therapie des frühen Zervixkarzinoms (radikale vaginale Trachelektomie nach DARGENT) unter Erhalt des Gebärmutterkörpers.
Während der radikalen pelvinen Chirurgie der fortgeschrittenen Endometriose oder des Korpus-/Zervix-karzinoms (Krebs von Gebärmutterkörper / Gebärmutterhals), des Rektums (Enddarm) und der Prostata kann der Erhalt der pelvinen Funktionen gewährleistet werden, indem man die zuständigen motorischen Nerven einzeln identifiziert und unter Anwendung der sogenannten LANN-Technik (LAparoscopic Neuro-Navigation).
In einer prospektiven Studie mit 273 Patientinnen, die sich einer laparoskopischen radikalen pelvinen OP bei Zervixkarzinom oder rektal infiltrierender Endometriose unterzogen, konnten wir eine Re¬duktion der postoperativen Blasenfunktionsstörungen von in der Literatur beschriebenen 20 – 40 % auf 1 % zeigen. Daher können die klassischen funktionseinschränkenden Nebenwirkungen radikaler pelviner Operationen nicht länger als „normal“ hingenommen werden. Angemessenes Wissen der neurofunktionellen Anatomie des kleinen Beckens sollte für alle radikal-pelvin operierenden Chirurgen obligatorisch sein.