Das pelvine Schmerzsyndrom kann die Konsequenz einer somatischen Nervenläsion sein, wie z.B. des Nervus ischiadicus, des Nervus pudendus oder der sacralen Nervenwurzeln. Das klassische pelvine Schmerzsyndrom (Unterbauchschmerzen) jedoch bezieht sich auf den sogenannten viszeralen Schmerz, wie z.B. bei Endometriosepatientinnen.
Der viszerale Schmerz wird oft beschrieben als vager, schwer zu lokalisierender, dumpfer Schmerz, der oft erst nach einem schmerzfreien Interval nach einem Eingriff auftritt. Dieser Schmerz wird oft begleitet von vegetativen Symptomen – wie Erbrechen, Übelkeit, Schweißausbruch, Blässe und Tachykardie (Herzrasen). Der pelvine viszerale Schmerz – auch bekannt als pelvinischer Phantomschmerz – resultiert aus Läsionen des Plexus hypogastricus inferior (IHP) und ist zu vergleichen mit dem Phantomschmerz z.B. der unteren Extremität nach Amputation durch Neurombildung: In diesem Falle kommt es zur Neurombildung im Bereich des IHP. Dieses Phänomen ist vor allem bei Endometriosepatientinnen bekannt: Selbst nach Entfernung des Uterus, des Ligamentum sacrouterinum (oberer Anteil des IHP) klagen viele Patientinnen immer noch über die gleiche Schmerzsymptomatik wie vor der Operation: Nerven sind in der Lage, die Schmerzinformation vom zentralen Nervensystem zu übertragen, sie können aber keine Information über die Lokalisation der Nervenläsion geben bzw. keine Information über die Stimuli geben, die die Schmerzinformation produzieren. Nach einer Nervdurchtrennung wächst die Nervenfaser in ein Neurom und kann dort Schmerzinformationen und/oder falsche Informationen produzieren: Ähnlich wie bei Patienten nach Beinamputation, die Schmerzen in Füßen und Zehen beschreiben, beschreiben Patienten nach Operationen im kleinen Becken weiterhin bestehende „pelvine Schmerzen“, ohne dass intraoperativ ein anatomisches Korrelat zu finden ist.
Es ist fast utopisch, pelvine Neurome im IHP per Laparoskopie zu finden. Eine Zerstörung des Plexus ist nicht möglich, da er in viele wichtige viszerale Reflexe involviert ist. Die Blockade aller afferenter Fasern (solche, die die Information „Schmerz“ zum zentralen Nervensystem transportieren) ist auch sehr schwierig, da es verschiedene Pfade zur Transmission von Schmerzinformationen gibt. Schmerzinformationen folgen eben nicht unbedingt nur einem Weg, und sehr starke Stimuli können auch aus einer Aktivierung von mehreren benachbarten Nerven entstanden sein, so dass die Blockade nur eines Informationspfades nicht zur kompletten Schmerzfreiheit führt. Daher ist es das Ziel, so viele Pfade wie möglich zu blockieren, die für die Schmertransmission zuständig sind: In der Literatur wurden verschiedene chirurgische (LUNA-Verfahren – präsacrale Neurektomie) und chemische (CT-gesteuerte Injektionen in den Plexus hypogastricus superior) Möglichkeiten der Blockade beschrieben, die jedoch allesamt irreversibel und sehr zerstörerisch sind.
Wir entschieden uns für eine teurere, aber dafür reversible und weniger destruktive Methode, die LION-Methode zur Plexusmodulation. Diese laparoskopische Technik benötigt keine extensive Präparation, und der gesamte Plexus kann mit einer einzigen multikanalen Elektrode abgedeckt werden. Daher ist die LION-Technik eine Alternative für Patienten mit einem chronischen, therapierefraktären pelvinen Schmerzsyndrom bei Endometriose und/oder Adenomyose und/oder postoperativ bedingten Schmerzen.